Das Tanzberger-Konzept

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vulvodynie

Schmerzen im Vulvabereich

Teil 1 

Vulvodynie bezeichnet Schmerzen im Intim-/Vulvabereich über mindestens drei Monate ohne erkennbare Ursache.

Sie ist eine bis dato wenig erforschte chronische Schmerzerkrankung, die als eine Untergruppe des CPPS (Chronic Pelvic Pain Syndrom) klassifiziert wird. 


Vulvodynie äußert sich durch chronisches Jucken, Stechen und/oder Brennen im Vulvabereich von individueller Häufigkeit und Intensität. 


Vulvodynie kann Frauen jeden Alters betreffen, ist weit verbreitet, wird oft verkannt und tabuisiert. 

Obwohl eine nicht unerhebliche Anzahl von Frauen von Vulvodynie - mit all ihren physischen, psychosozialen und psychoemotionalen Folgen - betroffen sind, muss konstatiert werden, dass Vulvodynie nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch in der medizinischen Fachwelt bei Diagnostikern und Therapeuten wenig bekannt ist bzw. benannt wird. 

"Vulvodynie und Vestibulodynie treten bei 5–10% der Frauen auf und sind somit häufig! Sie werden leider oft erst nach Jahren richtig erkannt. Die betroffenen Frauen können schwer beeinträchtigt sein". 


Prof. Dr. med. Werner Mendling, FA für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Wuppertal

Auftretende Symptome, wie z. B. Brennen und Jucken, werden oftmals als vermeintliche Pilzinfektion oder (lokales) Östrogendefizit eingeordnet und (fehl-)behandelt.


So erleben Vulvodynie-Patientinnen oft ein sog. Medical Gaslighting. Sie werden nicht gehört und ernst genommen und erfahren daher keine bzw. selten eine angemessene Reaktion und Hilfe. Ihr Leidensweg ist daher zumeist ein langer, sehr einsamer und leidvoller. Oft vergehen viele Jahre bis zur Diagnosestellung und Therapieeinleitung.


Eine Ursache für Vulvodynie ist bis dato nicht klar identifizierbar. 

Anamnestisch berichten viele Frauen von rezidivierenden Pilzerkrankungen und/oder Entzündungen mit lokalen medikamentösen Therapien. Dies führt per se nicht zu einer Vulvodynie; vielmehr geht man von einer sich entwickelnden Hypersensitivität aus. Infolge werden Berührung, Druck und/oder Reibung als Jucken, Brennen und/oder Schmerz unterschiedlicher Intensität wahrgenommen.


Die Therapie nach Diagnosestellung erfolgt der unklaren Genese wegen häufig nach dem Prinzip „Trial & Error“, ist langwierig und verläuft mit vielen Ups-and-Downs.

„Im eigenen Zentrum in Wuppertal waren zwischen 2011 und 2016 von 457 Frauen mit Vulvo-/Vestibulodynie, 50,8 % zwischen 18 und 30 Jahre alt, einige wenige unter 12 Jahre oder über 80 Jahre alt.
Etwa 60 % der Frauen mit chronischem Vulvaschmerz suchen ärztliche Hilfe auf, die Hälfte von ihnen bekommt aber nie die richtige Diagnose gestellt. Die betroffenen Frauen haben meist eine Odyssee von Arztbesuchen über Jahre hinter sich, bis die richtige Diagnose gestellt wurde. Dadurch verschlechtert sich ihre Prognose.
Diese Erfahrungen führten in einer Befragung zu Gefühlen von Isolation, Panik, Depression, Angst, erniedrigtem Selbstwertgefühl, Hoffnungslosigkeit, Wut, Furcht und Demütigung mit negativer Rückkopplung auf ihre sexuellen und verwandtschaftlichen Beziehungen, ihre Arbeit und ihren Schlaf, was zur Steigerung ihrer Vulvodynieschmerzen beitrug, und es blieb Rat- und Hoffnungslosigkeit, weil Ärzte keine Therapie kannten.“ 


Prof. Dr. med. Werner Mendling, FA für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Wuppertal


Quelle: *2

Jede Patientin erlebt ihren Schmerz individuell, hat einen individuellen Verlauf und muss ihren individuellen Umgang mit dem Schmerz und dem damit verbundenen physischen, sozialen und emotionalen Leid finden.


Mit diesem Artikel möchten wir das Phänomen der Vulvodynie in der physiotherapeutischen Fachwelt, insbesondere bei den spezialisierten Beckenboden-Physiotherapeutinnen und -Physiotherapeuten bekannter machen, um durch Abwägen der Symptome gegebenenfalls zu einer frühzeitigen Vulvodynie-Diagnosestellung und ihrer Therapie mit multimodalem, holistischem Ansatz beitragen zu können.

Vulva 


erstreckt sich zwischen Symphyse und Anus. Sie umfasst

  • Mons pubis (Vulvahügel, Venushügel)
  • Labien (Innere und äußere Vulvalippen)
  • Klitoris

…DYNIE


Schmerz, Schmerzzustand


VULVODYNIE


Der „Vulvaschmerz“ wird zu den chronischen, somatoformen Schmerzstörungen mit chronischem Schmerz im Intimbereich gezählt

  • Komplexes Zusammenspiel von peripheren und zentralen Schmerzmechnismen
  • Mit erhöhtem Tonus und Dysfunktion im Beckenbereich


Bestehen Schmerzen im Vulvabereich seit mindestens drei Monaten und liegen dabei keine offensichtlichen infektiösen, entzündlichen, neoplastischen oder neurologischen Ursachen vor, so deutet dies auf eine Vulvodynie hin.


Bei der Vulvodynie handelt es sich um einen Symptomenkomplex mit

  • unklarer physischer Genese (s. mögliche Ursachen)
  • hohem psychogenen Anteil


Betroffene leiden oftmals unter unerträglichen Schmerzen im Bereich des äußeren Genitales, d.h. im Vulvagebiet.

unterscheide 


Lokalisierte Vulvodynie

  • Schmerzen treten an einer bestimmten Stelle im Vulvabereich auf
  • Schmerzen treten provoziert auf, v.a. bei Berührung/Druck/Reibung
  • Bes. häufig:  Vestibulodynie (Schmerz im Bereich des Introitus vaginae mit inneren und äußeren Labien)
  • Oft: Klitoridynie:Schmerz liegt im Bereich derGlans clitoridis
  • Einseitig - beidseitig

     

Generalisierte Vulvodynie

  • Tritt eher postmenopausal auf
  • Schmerzen treten an mehreren Stellen auf oder betreffen die gesamte Vulva
  • Schmerzen treten meist dauerhaft auf 


Gemischte Vulvodynie

  • Lokalisierte + generalisierte From

unterscheide


Primäre Vulvodynie

  • Besteht seit dem Jugendalter
  • Relativ selten, schwierige Prognose
  • Spontane Vulvodynie -> Ohne erkennbare(n) Auslöser
  • Provozierte Vulvodynie -> Mechanische Reizungen, z.B. Berührung, Reibung, Druck (Bsp.: Kohabitation, Tampon/Menstruationstasse einführen/entfernen, enganliegende Kleidung, Fahrradfahren, Gehen, Joggen, Reiten)
  • Kombination spontane und provozierte Vulvodynie
  • Schwierige Prognose


Sekundäre provozierte Vulvodynie (PVD)

  • Tritt eher im prämenopausalen Alter auf
  • Andere Erkrankungen lösen Vulvodynie aus, z.B. nach (rezidivierender) Zystitis, Hauterkrankungen (Bsp.: Lichen sclerosus, Candida-Infektionen)

Prävalenz


Vermutlich 10% - 16% aller Frauen weltweit leiden mindestens einmal im Leben unter Vulvodynie

  • Afrikanische Frauen sind etwas halb so oft betroffen wie weiße Frauen
  • Hispanische Frauen haben ein ca. doppelt so hohes Risiko für Vulvodynie

Alter


  • Meist Frauen im gebärfähigen Alter
  • Seltener: Frauen in der Postmenopause
  • Selten: Im Kindes- und Jugendalter (hier meist provozierte Vulvodynie

Mögliche Ursachen


Die Ursachen der Vulvodynie sind multifaktoriell und bis dato weitgehend nicht klar identifizierbar.

  • Vermutet wird eine Kombination aus physischen, psycho-emotionalen, psycho-sozialen und genetischen Ursachen


Als vorrangig mögliche Ursachen bzw. Trigger werden beispielsweise vermutet / diskutiert


Psychogene (Stress-)Faktoren oder Traumata, aktuell oder auch länger zurückliegend

  • Psycho-emotionaler Stress: Ängste, Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen, posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS)
  • Psycho-sozialer Stress: Seelische Belastungen im Lebensalltag, privat und/oder beruflich, z.B. Partnerschaftskonflikte, familiäre Konflikte, Verlusterfahrungen
  • Stressende Lebensumbrüche- oder Abschnitte


Psychische und/oder physische Lebensereignisse / Traumatisierungen, z. B.

  • Vernachlässigung, Gewalterfahrungen, sexueller Missbrauch in Kindheit und Jugend
  • Parentifizierung (Umkehr der sozialen Rollen: Kinder müssen Eltern sein)
  • Unerfüllter Kinderwunsch, Fehlgeburt(en), traumatisch erlebte Geburt(en), Totgeburt(en)
  • Krebserkrankung(en) 

Negative Emotionen

 –  wie z.B. Sorgen, Angst, Hoffnungslosigkeit, Depression –

führen zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung.

Rezidivierende Zystitiden

  • Antibiotikatherapien
  • Hinweis: Ggf. wurden auftretende Beschwerden als Zystitis fehlgedeutet und behandelt


Genitale Mykosen

  • Antimykotika Therapie
  • Hinweis: Hypersensitivität gegenüber der eigenen Vaginalflora -> Rezidivierende Candida albicans-Infektionen und deren medikamentöse Behandlung gelten als wichtigste Ursache für Vestibulodynie
  • Hinweis: Ggf. wurden auftretende Beschwerden als Candida-Infektion fehlgedeutet und behandelt


Genitale Verletzungen / Operationen



Als weitere mögliche Ursachen bzw. Trigger werden außerdem vermutet / diskutiert


Genetisch bedingt (?)

vermehrte Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen (z.B. proinflammatorische Zytokine: Signalproteine des Immunsystems) ohne nachweisbare Erreger 

  • Zytokine bewirken vermehrte Rötung, die als genitale (Pilz-)Infektion fehlgedeutet und fehlbehandelt werden und mit Antibiotikum/ Antimykotikum therapiert werden kann


Genetik

Angeborene bzw. vererbte Vulvodynie

  • Dies ist wissenschaftlich nicht belegt


Neurogene Faktoren, z. B.

  • Traktion/Läsion des N. pudendus
  • Lokal erhöhte Anzahl an Nervenfasern (= erhöhte Schmerzsensibilität)

Dermatologische Erkrankungen, z. B.

  • Lichen sclerosus


Gewebeverletzungen, z. B.

  • nach Vulva-Operation
  • Becken-/Beckenboden-OP
  • Sturz auf das Os coccygis
  • Spontangeburt (ohne/mit Dammriss bzw. Episiotomie),
  • operativ vaginale Geburt
  • rezidivierende Zystitiden/Candida-Infektionen 


Beckenbodendysfunktionen

  • v. a. bei hypertonem Beckenboden


Verbindung zu anderen Erkrankungen,

die mit einem dysfunktionalen Immunsystem einhergehen, z. B.

  • Allergien, Histaminintoleranz
  • Autoimmunerkrankungen
  • Neurodermitis


Neuroproliferation

Es finden sich doppelt so viele und bis zu dreimal stärkere, feinere und sensiblere Nervenfasern im schmerzenden Gewebe

Negative Emotionen

 –  wie z.B. Sorgen, Angst, Hoffnungslosigkeit, Depression –

führen zu einer Herabsetzung der Schmerzschwelle und somit zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung.

Symptomatik


Symptome können schleichend oder plötzlich auftreten.

Zeitliches Muster   

 

  • Intermittierend
  • Persistierend
  • Konstant
  • Sofort
  • Verzögert 


Lokalisation


  • Im Vestibulum,
  • dem Sulcus interlabialis


Gelegentlich auch

  • an den großen Labien,
  • dem Perineum
  • und/oder perianal


  • spontan oder provoziert

Sichtbefund Epithel 


Ggf. gereizt, rötlich-violett, geschwollen


Fissur(en) am Introitus vaginae

  • häufig nach Penetration 

 


Schmerzqualität


  • Brennen
  • Stechen (Nadeln, Messer)
  • Jucken 


  • an den Labia maiora,
  • im Sulcus interlabialis
  • und/oder perianal


Prof. Dr. med. W. Mendling:


“Schmerzforscher verstehen heute Vulvodynie als komplexen Schmerz, der die Person als Ganzes mit allen ihren biologischen, psychologischen und sozialen Aspekten erfasst und mit zentraler Übererregbarkeit, emotionalem Stress und behindernden Einschränkungen auf die individuelle Arbeit und soziale Aspekte assoziiert ist.“


Quelle: *2

Mögliche Beschwerden

können z.B. (und/oder!) sein

Gefühl von Trockenheit bis Wundsein

Schmerzen bei Berührung

  • beim Hinsetzen und/oder während des Sitzens (Druck)
  • beim Gehen / Laufen, beim Radfahren (Reibung)
  • beim Reiten (Druck und Reibung)
  • bei Penetration (Bsp.: Finger, Tampon/Menstruationstasse, Penis)

Dyspareunie/Algopareunie: Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (spontan oder bei Berührung bzw. Penetration, meist am Introitus vaginae)

  • Penetration ggf. unmöglich
  • Schmerzen können situativ oder nachher auftreten
  • und ggf. über Stunden oder bis zu mehrere Tage andauern

Miktionsbeschwerden (meist hypertoner Beckenboden)

  • verzögerter Miktionsstart
  • schwacher Harnstrahl
  • brennende Schmerzen während/nach der Miktion; ggf. für einige Minuten anhaltend
  • erschwerte, ggf. unvollständige Blasenentleerung (Restharn)
  • Urgency/Pollakisurie
  • Inkontinenz

Bei lokalisierter, provozierter Vulvodynie oder bei Vestibulodynie:

  • Schmerz bei Berührung der U-förmigen Zone um den Hymenalsaum

Bei Klitoridynie:

  • Schmerz bei Berührung der Glans clitoridis

Mechanische Reizung

– z.B. Sexualität, langes Sitzen, enge Kleidung, Fahrradfahren, Slipeinlagen, Tanga, Vorlagen, Tampons –

provoziert das Auftreten von Symptomen bzw. verschlimmert diese.

Begleitsymptome können z. B. sein

  • häufiges Grübeln
  • Schlafstörungen (Ein-/Durchschlafen, Albträume)
  • Angststörungen, Panikattacken
  • Depressive Verstimmungen, Burnout/Depressionen

Vulvodynie ist häufig vergesellschaftet mit

  • Colon irritabile
  • Psychischen Störungen

Symptomenintensität


Individuell und unterschiedlich

Beschwerden können im Tagesverlauf zunehmen

  • meist vermehrt nachmittags und abends
  • häufig weniger nachts und morgens


Zyklusbedinge Einflüsse auf die Beschwerdeintensität sind möglich

Meist vermehrt kurz vor Einsetzen der Menses oder nach der Regelblutung


Verstärkung der Beschwerdeintensität möglich z.B. bei

  • Kälte
  • Feuchtigkeit
  • körperlicher Aktivität
  • psychosozialem Stress (Vergangenheit, Gegenwart)

Ko-Morbiditäten


Vulvodynie-Patientinnen leiden signifikant häufiger an weiteren funktionellen Schmerzsyndromen, wie z. B.

  • CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion)
  • Glossodynie (Schmerzsyndrom der Zunge und des benachbarten Mundepithels)
  • Chronischem Spannungskopfschmerz / Nackenschmerz
  • Chronischer Migräne
  • Chronischem Lower Back Pain
  • Endometriose
  • Fibromyalgie
  • Interstitieller Zystitis
  • Urgency / Urethralsyndrom, Selten: Interstitieller Zystitis / Bladder Pain Syndrome
  • Reizdarm-Syndrom
  • Anorektale Speicher- und/oder Entleerungsstörung
  • Luftnot/Engegefühl im Brustraum

Vulvodynie-Patientinnen haben oftmals einen erhöhten Ruhepuls (sog. Herzklopfen), erhalten ggf. Betablocker und haben einen verringerten systolischen Blutdruck, besonders bei primärer Vulvodynie.

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VULVODYNIE

TEIL 2

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