AKTIVITÄTEN
Ein Bericht von Annekatrin Crone, Juli 2026
Annkatrin ist Physiotherapeutin, Osteopathin (MSc), Heilpraktikerin, Post Graduate Diploma (international Curriculum) in Woman`s Health Osteopathy PGD WHO bei Prof. Renzo Molinari (MOLINARI INSTITUTE OF HEALTH, London, UK) und Teil des TEAMS Tanzberger-Konzept.
Female Genital Mutilation (FGM) in Kenia – medizinische und osteopathische Perspektiven aus der Beckenbodenarbeit
Female Genital Mutilation (FGM) – eine Realität für Millionen Frauen
Die sogenannte Female Genital Mutilation (FGM), auch weibliche Genitalverstümmelung genannt, betrifft weltweit über 230 Millionen Frauen und Mädchen. Besonders in Teilen Ostafrikas – darunter auch in Kenia – gehört FGM in einigen ethnischen Gruppen noch immer zu kulturellen Traditionen, obwohl sie gesetzlich verboten ist.
FGM umfasst unterschiedliche Formen der Verletzung der weiblichen Genitalien ohne medizinische Indikation. Die Eingriffe reichen von der teilweisen oder vollständigen Entfernung der Klitoris bis hin zu massiven Vernarbungen und Infibulationen. Die körperlichen und psychischen Folgen können gravierend sein: Traumatisierungen (Angst, Scham und Schmerz während des Geschlechtsverkehres), chron. Schmerzen, Infektionen, sexuelle Dysfunktionen, Geburtskomplikationen sowie langfristige Veränderungen des Körperbildes und der weiblichen Identität.
In der westlichen Medizin wird FGM häufig primär unter traumatologischen, gynäkologischen und psychologischen Gesichtspunkten betrachtet. Während einer medizinischen Expedition in Kenia mit der Divinity Foundation durfte ich jedoch Beobachtungen machen, die meine Sichtweise auf den weiblichen Körper – insbesondere auf den Beckenboden – erweitert und differenziert haben.
Persönliche Erfahrungen aus einer medizinischen Expedition in Kenia
Im Rahmen meiner Tätigkeit als gynäkologisch arbeitende Osteopathin begleitete ich ein medizinisches Team in ländlichen Regionen Kenias. Viele der Frauen, die wir untersuchten und behandelten, hatten eine Form von FGM erlebt. Gleichzeitig waren zahlreiche dieser Frauen mehrfach gebärend.
Aus europäischer Perspektive besteht häufig die Erwartung, dass Frauen nach FGM zwangsläufig schwere strukturelle Beckenbodenschäden, massive Dysfunktionen oder deutliche Insuffizienzen aufweisen müssten. Die Realität, die ich vor Ort klinisch wahrgenommen habe, war jedoch deutlich komplexer.
Bei vielen Frauen zeigte sich trotz FGM ein erstaunlich federndes Zentrum tendineum (Sehnenzentrum)
Auch bei vaginaler palpatorischer Untersuchung waren die Levator-Anteile häufig strukturell intakt und funktionell erstaunlich präsent – selbst bei Mehrgebärenden.
Diese Beobachtung war zunächst überraschend.
Denn in der westlichen Beckenbodenmedizin wird Mehrparität häufig mit einer deutlichen Belastung/Verletzung des Levator-ani-Systems, faszialen Schwächen und Senkungsbeschwerden assoziiert. In Kenia begegneten wir jedoch Frauen, die unter körperlich extrem belastenden Bedingungen lebten, mehrere Geburten erlebt hatten und dennoch klinisch teilweise eine bemerkenswerte funktionelle Normalität des Beckenbodens zeigten.
Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?
Diese Beobachtungen bedeuten keinesfalls, dass FGM „unschädlich“ sei. Die körperlichen und psychischen Folgen bleiben erheblich und dürfen niemals relativiert werden.
Gleichzeitig zeigt die klinische Realität, dass die Integrität des weiblichen Beckenbodens von wesentlich mehr Faktoren abhängt als ausschließlich von Geburt oder genitalen Verletzungen.
Mögliche Einflussfaktoren könnten sein:
- natürliche Bewegungsmuster im Alltag
- häufiges barfuß Gehen
- regelmäßige tiefe Hockpositionen
- kontinuierliche körperliche Aktivität
- geringere sitzende Lebensweise
- andere Gebärpositionen (keine verletzungsfördernde Rückenlage, wie in Europa u. Nordamerika)
- Geburten in sehr viel jüngerem Lebensalter als bei uns (nachlassende Gewebe-Elastizität ab Mitte des dritten Lebensjahrzehnts)
- kulturell andere Atem- und Belastungsmuster
- eine insgesamt natürlichere, funktionelle Integration von Zwerchfell, Becken und Rumpf
Aus osteopathischer, wie auch aus physiotherapeutischer Sicht wird deutlich, dass der Beckenboden niemals isoliert betrachtet werden darf. Er ist Teil eines komplexen neurofaszialen Systems, das eng mit Atmung, Haltung, Beckenmechanik, viszeralen Spannungen und psychosozialen Faktoren verbunden ist.
Gerade in der Frauengesundheit zeigt sich immer wieder, dass strukturelle Befunde und funktionelle Realität nicht zwangsläufig identisch sind.
FGM und der Beckenboden – ein differenzierter Blick
In Europa besteht häufig eine sehr lineare Vorstellung davon, wie ein „geschädigter“ Beckenboden aussehen müsse. Die Erfahrungen in Kenia haben jedoch gezeigt, dass weibliche Körper hochadaptiv sind.
Viele Frauen mit FGM leiden unter tiefgreifenden Beschwerden – körperlich wie emotional. Andere zeigen funktionelle Kompensationsmechanismen, die aus westlicher Sicht zunächst unerwartet erscheinen.
Für die moderne Beckenbodentherapie bedeutet dies:
- weniger pauschale Annahmen
- mehr klinische Differenzierung
- mehr respektvolle Untersuchung
- mehr interkulturelles Verständnis
- mehr funktionelles Denken statt rein struktureller Bewertung
Insbesondere in der osteopathischen Frauenheilkunde ist es entscheidend, den weiblichen Körper nicht ausschließlich pathologisch zu betrachten, sondern auch seine enorme Anpassungsfähigkeit wahrzunehmen.
Was diese Erfahrung für meine Arbeit verändert hat
Die Arbeit mit Frauen in Kenia hat meinen Blick auf Frauengesundheit nachhaltig verändert.
Sie hat mir gezeigt, wie eng körperliche Integrität, kultureller Kontext, Bewegung, Geburtserfahrung, Trauma und Resilienz miteinander verbunden sind.
Als Osteopathin in der gynäkologischen und Beckenboden-orientierten Arbeit bedeutet dies für mich heute:
- genauer hinzuhören
- weniger vorschnell zu bewerten
- funktionelle Ressourcen stärker wahrzunehmen und bewusst zu nutzen
- den weiblichen Körper in seiner Komplexität zu respektieren
Gerade der Beckenboden ist weit mehr als ein oft falsch bezeichneter „Halteapparat“. Er ist Ausdruck und Akteur von Atmung, Sicherheit, Spannung, Weiblichkeit, Sexualität, Bewegung, Geburtserfahrung und vegetativer Regulation.
Die Begegnungen mit Frauen in Kenia haben mir eindrücklich gezeigt, wie viel wir in der westlichen Medizin noch über funktionelle Anpassung, weibliche Resilienz und interkulturelle Frauengesundheit lernen können.
ANNKATRIN CRONE - HUMANITÄRER EINSATZ IN NAIROBI
Unser TEAM-Mitglied Annkatrin ist im April 2022 und 2023 für die Divinity Foundation nach Nairobi, Kenia, geflogen. Sie ist Teil einer internationalen und kenianischen Crew, bestehend aus Ärzt:innen, Pflegekräften und Osteopath:innen, die mit einer medical mobile clinic in den nächsten zwei Wochen zu mehreren, z.T. sehr abgelegenen Dörfern fahren werden. Sie liefern Lebensmittel, Medikamente und bieten medizinische Versorgung sowie therapeutische Maßnahmen an.
Annkatrin und ihre Therapeutenkolleg:innen behandeln schwerpunktmäßig Frauen und Mädchen, die von Genitalverstümmelung betroffen sind, osteopathisch .
Sie und alle Mitarbeiter:innen der Crew arbeiten ehrenamtlich und kommen selbst für ihre gesamten Reise- und Aufenthaltskosten auf!
Wer noch mehr über die Organisation Divinity Foundation erfahren oder auch diese großartige Arbeit mit einer Spende unterstützen will, kann dies auf deren Website: https://www.divinityfoundation.com
Über die aktuelle Reise in Nairobi, die unsere Annkatrin unternimmt, erfährt man unter: https://www.divinityfoundation.com/news









Wir bedanken uns bei Annkatrin für die Eindrücke, die sie uns in diese wertvolle Arbeit für betroffene Frauen und Mädchen in Kenia gegeben hat.
